Novembergedanken
Ich sitze am Tisch, Tee mit Ingwer, Zimt, Hagebutte –
wie aus einem dieser Ratgeberhefte
für Tage,
an denen selbst die Sonne krankgemeldet fehlt.
✨
Die Lampe brennt.
Ohne sie wirkt die Zeitung nur wie ein graues Echo:
Unfall.
Inflation.
Wieder ein Geschäft weniger.
Immer derselbe Refrain.
✨
Dann der bunte Werbeteil –
Farben wie ein Clown auf Trauerfeier:
Grablichter im Sonderangebot,
Kranzdesigns zum halben Preis,
Tannen, Zapfen, Dekoherzen aus Plastik –
alles schon leicht vergilbt vom Vorgestern.
✨
Allerheiligen ist vorbei.
Die Gräber haben geleuchtet,
die Mäntel gefunkelt,
die neuen Stiefel gezeigt,
wie tief man fühlen kann,
wenn es teuer genug war.
✨
Zwei Tage später
steht die Wahrheit vor der Tür
und friert.
Die Kerzen sind aus.
Der Hut wieder in der Schachtel.
Die Gestecke –
im Ausverkauf.
✨
Und irgendwo dazwischen
fragt der November leise:
Woran erinnern wir uns eigentlich?
An sie –
oder an uns?
✨
Wenn der Nachmittag den Novemberfarbton annimmt,
und die Schritte anderer längst verklungen sind,
gehe ich.
Nicht für den Pfarrer,
nicht für das Dorf,
nicht fürs Protokoll.
Ich komme ohne Glanz,
mit den Händen in den Taschen
und dem Herzen voll Erinnerungen.
Und dort treffe ich die anderen,
die wahrhaft Trauernden.
Keine neuen Mäntel,
keine glänzenden Stiefel –
nur stille Liebe im Gesicht.
Wir zünden kein Licht,
um gesehen zu werden.
Wir kommen,
weil wir nie gegangen sind.
